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von Gabriel Stux

Kopfschmerzen und Migräne zählen zu den Hauptindikationen der therapeutischen Akupunktur. Etwa ein Drittel der im Westen mit Akupunktur behandelten Patienten leidet an Migräne oder Kopfschmerzen.

Nach traditioneller Vorstellung sind chronische Kopfschmerzen und Migräne auf eine Stauung bzw. Blockade des Qi in den Yang-Meridianen des Kopfes zurückzuführen. Die Blockaden und somit die Schmerzen beruhen meist auf einer inneren Störung der Organe und Meridiane (z. B. "Aufsteigendes Leber-Feuer"), nur selten auf äusseren Einflüssen durch Wetterfaktoren wie Wind und Kälte. Je nach Schmerzcharakter können sowohl Fülle- als auch seltener Schwächestörungen vorliegen. Füllestörungen überwiegen meist und sind gekennzeichnet durch sehr intensive Kopfschmerzen oder Migräne mit starkem Spannungsgefühl, pochenden Schmerzen und das Gefühl "der Kopf könnte platzen". Bei Schwächestörungen sind die Kopfschmerzen dumpf, häufig in Verbindung mit Benommenheit und anderen allgemeinen Schwächesymptomen, wie z. B. übermässige Müdigkeit, Erschöpfungsgefühl, Schwindel oder Hypotonie.

Die innere, tiefe Ebene der Störung, chinesisch Ben, ist meist die Ursache und Wurzel von chronischen Kopfschmerzen und Migräne. Die mit über 50 % der Fälle häufigsten Störungen innerer Organe sind Leber- und Gallenblasendisharmonie, und zwar in erster Linie "Stagnation des Leber-Qi" und "Aufsteigendes Leber-Yang", seltener "Aufsteigendes Leber-Feuer" oder "Leber-Yin-Schwäche". Gleichzeitig findet man eine chronische Blockade des Gallenblasenmeridians mit Schmerzen im Verlauf des Meridians.

Seltenere Kopfschmerzformen sind gekennzeichnet durch Milz-Pankreas-Schwäche mit oder ohne Magenfüllestörungen. Bei diesen Formen findet man häufig auch Schleimstörungen im chinesischen Sinne, die gekennzeichnet sind durch Benommenheit, Dumpfheits- bzw. Schweregefühl im Kopf mit Konzentrationsstörungen sowie Schwindel. Übermässiger Alkoholgenuss kann die beschriebenen Schleimstörungen verstärken.

Schwächestörungen der Nieren häufig auf dem Boden von latenter Ängstlichkeit bei meist zwanghafter Persönlichkeitsstruktur können ebenfalls zu chronischen Kopfschmerzen führen. Die Kopfschmerzen sind hier häufig im Bereich des Blasenmeridians oder entlang des Du Mai lokalisiert und zwar sowohl im Nacken als auch in der Stirnmitte. Auch Kombinationen von Nierenschwäche mit Leberfüllestörungen sind bei chronischen Kopfschmerzen nach chinesischen Diagnosekriterien zu diagnostizieren.

Das Chronic-fatigue-Syndrom, das auch "chronic persistent headache" genannt wird, beruht auf einer chronischen Leberstörung und zwar "Schwäche des Leber-Yin" nach einer längeren Phase von "Fülle des Leber-Yang". Wie alle Kopfschmerzen sind auch hier nach traditioneller Vorstellung unverarbeitete Gefühle an der Entstehung dieser Störungen beteiligt.

Die Akupunkturtherapie bei Migräne und chronischen Kopfschmerzen sollte nicht nur die oberflächliche Schicht, also die Blockaden der Meridiane, sondern auch die tiefe Ebene des Störungsmusters in den Organen berücksichtigen (s. chinesische Syndrome im Kap. 16).

Innere Ebenen der Störungen, Ben bei Kopfschmerzen und Migräne:

  1. Stagnation des Leber Qi,
  2. Aufsteigendes Leber-Yang,
  3. Aufsteigendes Leber-Feuer,
  4. Schwäche des Leber-Yin,
  5. Magenfülle bzw. Feuer mit Schwäche des Milz-Pankreas,
  6. Schleimstörung meist bei Milz-Pankreas-Schwäche,
  7. Schwäche des Nieren-Yang oder -Qi mit oder ohne Leberfüllestörungen,
  8. Allgemeine Schwäche des Qi (selten).

Die Lokalisation der Zephalgien ist für die individuell ausgelegte Akupunkturtherapie von grosser Bedeutung. Nach dem traditionellen Konzept der chinesischen Medizin lassen sich nach Schmerzlokalisation und Ausstrahlung 4 Hauptgruppen anhand der betroffenen Meridiane herauskristallisieren:

-- Schmerzen im Verlauf des Gallenblasenmeridians mit Schmerzmaxima im Bereich der Punkte Ex. 2 Taiyang, Gb. 14 Yangbai lateral bzw. oberhalb der Augen oder Gb. 20 Fengchi im Nacken. Nach der Meridianachse Sanjiao-Gallenblase spricht man auch von Shao-Yang-Kopfschmerzen. Mit 40--50% ist der Shao-Yang-Kopfschmerz die häufigste Form [137]. Man behandelt vor allem mit Fernpunkten des Sanjiao- sowie des Gallenblasenmeridians.

Zephalgie vom Shao-Yang-Typ
Du 20 Baihui
Gb. 14 Yangbai SJ. 5 Waiguan Gb. 41 Linqi
Gb. 20 Fengchi Di. 4 Hegu Ma. 44 Neiting
Ex. 2 Taiyang Le. 3 Taichong

Schmerzen im Bereich der Stirn und Schläfe mit Schmerzmaxima im Bereich von Ma. 8 Touwei werden dem Magenmeridian zugeordnet. Man spricht von Yang-Ming-Kopfschmerzen und behandelt mit Fernpunkten des Dickdarm- und Magenmeridians.

Zephalgie vom Yang-Ming-Typ
Du 20 Baihui
Ma. 8 Touwei Di. 4 Hegu Ma. 44 Neiting
Gb. 4 Hanyan Di. 11 Quchi Ma. 36 Zusanli
Ex. 1 Yintang

Schmerzen im Verlauf des Blasenmeridians mit Schmerzmaxima im Bereich von Bl. 2 Zanzhu zwischen den Augenbrauen oder Bl. 10 Tianzhu im Nacken nennt man Tai-Yang-Kopfschmerzen. Man behandelt mit Fernpunkten des Dünndarm- und Blasenmeridians.

Zephalgie vom Tai-Yang-Typ
Du 20 Baihui
Bl. 2 Zanzhu Dü. 3 Houxi Bl. 60  Kunlun
Bl. 10 Tianzhu Di. 4 Hegu Bl. 67  Zhiyin

Schmerzen im Bereich des Punktes Du 20 Baihui werden dem Lebermeridian zugeordnet. Hier findet man häufig Störungen und Symptome im Sinne des traditionellen Syndroms "Aufsteigendes Leber-Feuer" (s. auch Kap. 16). Nach traditioneller Vorstellung zieht eine innere Verbindung vom Lebermeridian zum Punkt Du 20 Baihui am Vertex. Man behandelt mit Fernpunkten des Lebermeridians.

Zephalgie bei Störung des Leberfunktionskreises
Du 20 Baihui Di. 4  Hegu Le. 3 Taichong
Ex. 6 Sishencong Le. 2 Xingjian
Gb. 34 Yanglingquan

Bei der Akupunktur der Migräne wird 2mal in der Woche therapiert in Serien von 10-12 Behandlungen. Im therapiefreien Intervall von 10-14 Tagen nach der ersten Behandlungsserie wird anhand der Symptomreduktion über die Weiterführung der Therapie in einer zweiten Behandlungsserie entschieden. Im Durchschnitt sind ca. 15 Akupunkturbehandlungen erforderlich. In extremen Einzelfällen kann es erst nach 30-40 Behandlungen zu einer dauerhaften Besserung kommen. 3 Monate nach Beendigung der Therapie sollte eine Auffrischungsbehandlung mit 3-4 Akupunktursitzungen erfolgen, um den Langzeiterfolg zu sichern.

Eine eigene Untersuchung an 50 Patienten zeigt, dass 60% der Patienten dauerhaft schmerzfrei werden [137, 141]. 28% der Patienten gaben eine deutliche Besserung an, jedoch keine vollständige Schmerzfreiheit. Bei 12% konnte keine Änderung der Beschwerden festgestellt werden. 60% der Patienten waren nach 6 Monaten rezidivfrei. Ein Vergleich dieser Ergebnisse mit anderen klinischen Untersuchungen bestätigt die ausgezeichneten Therapieerfolge der Akupunkturtherapie bei Migräne und Kopfschmerzen. Die individualspezifische Auswahl der Akupunkturpunkte, eine klassische Stichtechnik mit manueller Stimulation der Nadeln und die Anzahl der Sitzungen sind für eine langanhaltende Beschwerdefreiheit von erheblicher Bedeutung.

Aus: Stux, Stiller, Pomeranz (1999)
Akupunktur – Lehrbuch und Atlas, Kapitel 15.3, 5. Auflage, Springer Verlag, Berlin Heidelberg New York

 
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